Auszüge aus der Korrespondenz
Mit solchen oder ähnlichen Briefen wurde der Briefkontakt eröffnet
Unser erster Brief an Ilse Shindel
Solingen, den 30.06. 1988
Sehr geehrte Frau Shindel!
Die Gesamtschule Solingen hat im vergangenen Jahr die Patenschaft für den mittlerweile geschlossenen
jüdischen Friedhof am Erbenhäuschen übernommen.
In Absprache mit der jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal besuchen wir – eine kleine Gruppe von
Schülerinnen und Schülern (12-13 Jahre alt) – jede Woche den kleinen Friedhof, um die letzte
Ruhestätte jüdischer Mitbürger zu hegen und zu pflegen.
In der Schule und auch im Elternhaus haben wir von dem unglaublichen Unrecht gehört, das auch den
Juden in Solingen zugefügt wurde. Wir wollen dafür eintreten, dass nicht mehr Unverständnis und Hass,
sondern Verständnis und Liebe unser Verhalten den Mitmenschen gegenüber bestimmen.
Wir haben im Stadtarchiv Solingen erfahren, dass Sie die Tochter der Eheleute Alexander und Helene
Leven sind. Ebenfalls erfuhren wir, dass Ihre Verwandten aus Remscheid (Albert und Rosalie Leven) auf
dem jüdischen Friedhof begraben sein müssten. Darum haben wir nachgeforscht und die vier Grabstätten
auch gefunden. Wir wissen sonst gar nichts von Ihnen. Deshalb würden wir uns freuen, wenn Sie uns
einige Mitteilungen übersenden, aber auch für ein kleines Lebenszeichen wären wir schon sehr dankbar.
Es grüßen sehr herzlich aus Ihrer Heimatstadt Solingen:
die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Solingen
20. 07. 1988
Ilse Shindel, kurz vor Kriegsausbruch nach England entkommen, schreibt aus London:
„Es gibt, glaube ich, keine Worte, die meine Gefühle ausdrücken
können, aber zum mindesten kann ich sagen, dass ich tief gerührt war
und noch immer bin über den Inhalt des Briefes….
Sie haben mir mit Ihren Zeilen den Glauben an die Menschen
wiedergegeben.“
07. 09. 1988
Eva Schaalmann, als 10-jähriges Mädchen mit den Eltern nach Brasilien emigriert, schreibt aus Sao
Paulo:
„Dein Brief, liebe Anja, hat mich sehr geruehrt, und ich freue mich
an Eurem Interesse (…)
Als wir im Jahre 1936 Deutschland verlassen mussten, fiel meinen
Eltern Karl und Erna Isaac und meinem kleinen damals 6jaehrigen
Bruder, und vor allem mir, einem damals 10jaehrigen Mädelchen,
dass schon alt genug war, um zu wissen, was so ein Abschied
bedeutet, die Trennung von meinen Freundinnen, der Abschied aus
Deutschland, meiner Schule und meinen Mitschuelerinnen, die eine
Reizende Abschiedsfeier für mich machten, sehr schwer.“
14. 02. 1989
Karola Schlussel, Enkelin von Jenny und Georg Giesenow, während des Krieges
verborgen lebend, schreibt aus Brüssel:
„Ich war sehr gerührt, als ich Ihren und den Brief von Juliane H.
las, in dem Sie schreiben, dass Sie sich jetzt um den jüdischen
Friedhof kümmern wollen, um die Grabstätten sauber zu halten. (…)
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Blumen pflanzen wollen, …“
30. 05. 1989
Sela Trau, geb. 1898 in Solingen, dem Holocaust durch Emigration in den 30er Jahren entkommen,
schreibt von der Insel Tasmanien:
„Bitte laß mich herzlichst danken für Deine wohlwollende Haltung
und Euer Vorhaben. Ich bin sehr dankbar dafür, daß ein solch
persönliches Experiment realisiert wurde, dass da einer ist, der
einen Teil meines Lebens mit mir teilt und den Glauben an die
Möglichkeit einer besseren Welt.“
01. 09. 1989
Hans Hellmut Reiche, Urenkel des Solinger Ehrenbürgers Gustav Coppel,
schreibt aus Hilden:
„Bedanken wollen wir uns für die mit viel Liebe, Verständnis und
letztlich auch Zeit und Arbeit verbundene Aufgabe Ihrer AG,
die Pflege des jüdischen Friedhofs in Solingen zu übernehmen.
Eine Tatsache, die uns Älteren und Betroffenen gar nicht so selbstver-
ständlich scheint. Vielleicht erfreut sie uns deshalb umsomehr. (…)
Und welch schöner Leitsatz steht über Ihrer Arbeit bzw. der der AG,
Worte, die uns hoffen lassen. Mögen sie nicht im Winde verwehen,
sondern Widerhall finden!“
23. 04. 1990
Ursula Hirschberger, geb. Coppel, eine Urenkelin des Ehrenbürgers Gustav Coppel, emigrierte im Jahre
1934 als kleines Mädchen mit ihren Eltern in die Schweiz. Sie schreibt aus München:
„Seit einem Jahr weiß ich von der AG, die den jüdischen Friedhof in
Solingen pflegt. Die Nachricht von dieser schönen Geste hat mich aufs
tiefste berührt und sehr gefreut. Ich kann Ihnen gar nicht sagen,
wie wunderbar es ist zu hören, daß gerade junge Menschen sich zu
solchen Initiativen bereitfinden….
Grüßen Sie all die fleißigen jungen Menschen von der AG herzlichst
von mir; sagen Sie ihnen meine Achtung und Bewunderung für ihr
Tun. Diese Gesinnung wärmt das Herz… .“
12. 02. 1992
Hanna Wechselblatt, geb. Feist, als kleines Mädchen mit den Eltern nach Schweden emigriert, schreibt
aus Stockholm:
„Es ist erfreulich, dass es junge Leute gibt, die Ideale haben. (…)
Man sagt, daß jeder Mensch ist eine ganze Welt. Wer einen
Menschen tötet, zerstört eine ganze Welt. Aber auch, wer einen
Menschen rettet, rettet auch eine ganze Welt. Die Teilnehmer
Ihrer AG, weil nicht geboren, konnten in den schrecklichen
Jahren der Vergangenheit niemanden retten, dafür tun sie es jetzt:
Sie retten in Ehre das Andenken ihrer verstorbenen Mitbürger.
Und was Edleres kann man sich kaum vorstellen.“
12. 01. 1994
Carl-Anton Reiche, Urenkel des Solinger Ehrenbürgers Gustav Coppel,
zu seiner Emigration befragt, schreibt aus North Carolina, USA:
„Mein Bruder und ich erhielten in Frankfurt/M. als Nazi-Verfolgte
bevorzugt Einreise-Visen und verließen Bremerhaven auf einem
ausrangierten US-Truppentransporter, sehr primitiv, landeten am
23. 5. 1946 in New York. Als erstes Schiff, das mit Zivilisten die USA
nach dem Krieg erreichte, wurden wir von dem berühmten Ober-
bürgermeister Fiorello La Guardia empfangen.”